Freitag, 22. Juli 2016

Warum ich Cistercienser schreibe

Duden 1903
Erstens: Angefangen mit dem Ordenskürzel „O.Cist.“ bis hin zur Schreibung im Französischen, Englischen und in jeder anderen europäischen Sprache, überwiegt die C-Schreibung. 
Zweitens: Führende Historiker des 20. Jahrhunderts bis in unsere Zeit (etwa Pater Gregor Müller, Abt Ambrosius Schneider, oder der Mediävist Gerd Melville) ziehen die C-Variante vor.
Drittens: Die Z-Schreibung ist national-ideologisch gefärbt: Erst die Duden Auflage zum Jahr 1903 ging vom Cistercienser zum Zisterzienser über, ohne freiliech davor eine Stellungnahme vom Orden einzuholen. Die Duden-Redaktion verstand ihre Aufgabe wenig später als „Abrundung und Vertiefung des historischen und geistesgeschichtlichen Bildes des Nationalsozialismus.“ 
Viertens: Ich schreibe Cistercienser, weil ich modern sein will, wie zum Beispiel die Verwaltung des Amberger Congress Centrums


... und die Stadtmütter der Hansestadt Hamburg...



... und Tausende von anderen. Die Geschichte der Germanistik zeigt zwar, dass die Rechtschreibnormierung als nachvollziehbares Desiderat der Neuzeit auftritt, dennoch oft gescheitert ist. Der Schrei nach einheitlichen deutschen Sprachregelungen im frühen 20. Jh. ist nicht in jedem Punkt gelungen und sollte nicht als sakrosankt gelten. Es gibt heute noch Ernährungswissenschaftler, die statt Pommes den "rein-deutschen" Ausdruck frittierte Kartoffelstäbchen verwenden, aber wer nimmt sie ernst? Der post-nationalistische Duden ist selbstverständlich nach 1945 bald wieder zu Pommes zurückkehrt. 
Bibliotheksrecherchen – global gesehen – ergeben exponentiell mehr Suchergebnisse für Cisterc* als Zisterz*. Das Argument, dass die Z-Schreibung einheitlicher wäre, ist schwer zu vertreten. Wer wirklich ein internationales Publikum vor Augen hat, kommt mit der C-Schreibung viel weiter.

Dienstag, 19. Juli 2016

Klösterliche Taubenhäuser

Das Bild links zeigt das Taubenhaus in der ehemaligen Cistercienserabtei Loccum. Diese inzwischen selten gewordene Konstruktion, auch Taubenschlag genannt, war im Mittelalter und der Frühen Neuzeit sehr weit verbreitet. Adelsresidenzen und Klöster errichteten sie, weil sie für die Kanzlei Brieftauben brauchten. Taubenpost ist heute nur mehr als Hobby bekannt, war aber bei gewissen militärischen Einsätzen noch im Zweiten Weltkrieg in Verwendung und davor recht häufig. Man darf sie nicht unterschätzen: Die Brieftaube kann mehr als 1.000 km fliegen, freilich nur in eine Richtung: Nach Hause, also immer an denselben Empfänger.

Ein anderer Grund für die Taubenzucht lag im gastronomischen Zweck. Taubenverzehr war weit verbreitet, natürlich auch in Klöstern. Am Generalkapitel der Cistercienser im Jahr 1601 wurden 18 junge Tauben verzehrt (und – unter anderem – 18 Gänse, 6 Fasanen, 30 Hasen und 3 Schafe…). Taubengerichte sind in deutschsprachigen Ländern selten geworden, in Frankreich und Spanien sind sie heute noch beliebt. Auch in Asien werden Tauben gerne gegessen und sind ein wesentlicher Teil der Fleischproduktion.

Mehr zum Taubenhaus hier.

Montag, 11. Juli 2016

Die Schreibmaschine: Relikt vergangener Schriftkultur

Die Schreibmaschine entwickelte sich im großen Stil in der Zeit um 1880, als die Massenherstellung von den kleinen Druckern möglich wurde. Bis zum ersten Weltkrieg gelangte das Werkzeug zur Verwendung in allen (schriftlichen) Bereichen der westlichen Gesellschaft, von Kanzlei zu Kloster.

Berühmte Schritte in der Entwicklung der Maschine kamen durch die Elektrizität und dann in den 1960er Jahren, als IBM die Golfball-Mechanik einführte. Das Schreibmaschinen-Design erreichte einen letzten Höhenflug mit der Firma Olivetti, deren Valentine Produkt im Jahr 1970 etwas von den Träumen der Raumfahrt vermittelte.

In Klöstern wurde die Schreibmaschine genauso häufig verwendet, wie anderswo. Sie erreichte dort vielleicht sogar eine höhere Bedeutung, weil das Tippen in Klosterschulen unterrichtet wurde und viele Patres diverse private und berufliche Anlässe zur Verwendung von Schreibmaschinen hatten.

Weil in Klöstern das Werkzeug wie heiliges Altargerät betrachtet werden soll (RB 31,10) und die Schreibmaschinen meist nicht gewerblich verwendet wurden, kam es nie zu den pauschalen Entsorgungen und Neuanschaffungen, die in Firmen üblich sind. Und da man in Klöstern Dinge nicht gern wegwirft, kam es zur (ungeplanten) Bildung von exzentrischen Sammlungen, wie diese Anhäufung von aus dem Verkehr genommenen Schreibmaschinen am Gang eines Benediktinerklosters zeigt.

Montag, 20. Juni 2016

Äbte spendeten Priesterweihe bis ins 18. Jh.

Das spätmittelalterliche Kirchenrecht kennt einige Fälle, in denen Äbte mit dem päpstlichen Privileg ausgestattet wurden, die höheren Weihen zu spenden.

Papst Bonifaz IX. verlieh in der Bulle Sacrae religionis (1. Feb. 1400 | DH 1145) dem Abt des Augustiner-Chorherrenstiftes St. Osyth in Essex (Diözese London) und seinen Nachfolgern die Vollmacht, den Professen des Klosters die Weihe zum Subdiakon, Diakon und Priester zu spenden. Das Privileg wurde auf Intervention des Ortsbischofs drei Jahre später durch die Bulle Apostolicae Sedis wieder zurückgenommen, aber diese sagte nichts über die Gültigkeit der inzwischen erteilten Weihen: Sie galten.

Einen ähnlichen Fall stellt die Bulle Gerentes ad vos (16. Nov. 1427 | DH 1290) dar, in der Papst Martin V. dem Abt des Cistercienserklosters Altzelle in der Diözese Meißen „auf einen Zeitraum von fünf Jahren hin“ erlaubte, „einzelnen Mönchen ebendieses Klosters und Personen, die Dir als Abt untergeben sind, auch alle heiligen Weihen zu spenden, ohne dass dafür die Erlaubnis des Ortsbischofs erforderlich wäre und die Apostolischen Konstitutionen und Anordnungen sowie die übrigen gegenteiligen (Verlautbarungen) in irgendeiner Weise entgegenstünden“. 

Ein drittes bekanntes Beispiel stammt ebenfalls aus dem Cistercienserorden. Innozenz VIII. erteilte mit der Bulle Exposcit tuae devotionis (9. Apr. 1489 | DH 1435) den Äbten von Cîteaux und den vier Primarabteien La Ferté, Pontigny, Clairvaux und Morimond das Vorrecht für die Spendung der Subdiakonats- und Diakonatsweihe eigener Professen, „damit die Mönche […] nicht gezwungen werden, für den Empfang der Weihen […] außerhalb des Klosters hierhin und dorthin zu laufen“. Dieses Vorrecht wurde bis ins späte 18. Jh. in Anspruch genommen. Im Rituale Cisterciense war lange Zeit der Ordo der Subdiakonats- und Diakonatsweihe zu finden.

Im Hintergrund steht das dogmatische Problem der Sakramentalität der Bischofsweihe, das lange Zeit nicht gelöst war. Die Frage nach der Stellung des Bischofsamtes im Unterschied zum Priesteramt blieb bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil ungeklärt (vgl. Lumen gentium 21). Ob der Priester außerordentlicher Spender der Priesterweihe sein kann – bei der Firmung ist das möglich – wurde bis heute nicht eindeutig beantwortet.

Erarbeitet von Johannes Lackner. Vgl. Anton Lässer, Die Beziehung von Bischofs- und Priesteramt aus der Sicht des Bußsakramentes (Dissertation Rom 2006) 49-118.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Die Primizkrone – Symbol geistlicher Vermählung

Primiziant, 1926
Die Krone wird verstanden als Zeichen für den Eintritt in einen dauernden Zustand, in dieser Hinsicht ist die Primizkrone vergleichbar mit einer Hochzeits- und Totenkrone. Weitere Deutungen der Priesterkrone sehen in ihr ein Zeichen der Jungfräulichkeit. Ein Gedicht aus der Mitte des 19. Jh.s fragt voll Bewunderung: „Wer bist du, Jüngling, mit dem Blütenkranze, jungfräulich um dein junges Haupt gewunden?“ Die Krone ist zu besagter Zeit in bayerischen und österreichischen Bistümern gut belegt (erste Spuren finden sich bereits um 1530) und hält sich bis in die Mitte des 20. Jh.s.
Die liturgische Verwendung der Krone war verschieden. Mal trug der Neupriester sie während des Einzugs (evtl. setzte die Mutter ihrem Priestersohn die Krone am Kirchenportal auf), mal trug ein Mädchen – die „Primizbraut“ – in der Prozession die Krone auf einem Kissen, mal trug der Neomyst sie während der gesamten Messfeier am Haupt. Die Beschaffenheit der Krone war von lokalem Brauch abhängig; erhaltene Exponate aus dem 19. Jh. sind meist etwa 12 cm hoch, bestehen aus Draht, sind je nach Anlass (z. B. zur Sekundiz) grün, silber oder gold gehalten und dekoriert mit Kunstblumen, -ähren oder -trauben.
Vgl. Monika Kania, Geistliche Hochzeit (Würzburg 1997) 165-168.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Gratulationsschreiben II. Teil: Akrostichon

Wir setzen unsere Sammlung von klösterlichen Buchstabenspielen fort mit einem Akrostichon aus 1790. 

Bei dieser literarischen Form ergeben die Anfangsbuchstaben, -silben oder -wörter der einzelnen Verszeilen hintereinander gereiht ein Wort oder mehrere. Der Terminus Akrostichon entspringt der griechischen Sprache und setzt sich aus akros (Spitze) und stichos (Vers) zusammen. Akrosticha stellten in der antiken, mittelalterlichen und barocken Dichtung ein beliebtes Schreibspiel und rhetorisches Stilmittel dar. Zudem gibt es zahlreiche Beispiele von Akrosticha in der jüdischen Literatur. Der hebräische Urtext des Alten Testamentes enthält etwa in Psalm 96 vier Verszeilen, deren Anfangsbuchstaben hintereinander gelesen den Gottesnamen JHWH ergeben (Ps 96,11).

Akrosticha finden sich in lyrischen Werken oder Liedern. Teilweise werden sie eingesetzt, um verschlüsselte Botschaften weiterzugeben. Die Anfangsbuchstaben können andererseits durch besondere Gestaltung künstlerisch hervorgehoben werden, sodass das Akrostichon optisch deutlicher hervortritt. Dies ist der Fall in einem Gratulationsschreiben an Abt Marian Reutter anlässlich seiner Wahl zum Abt von Heiligenkreuz im Jahr 1790. 

Marian, / der im Herzen milde ist, / im Eifer brennend, / im Geiste fromm, / in der Arbeit untadelig, / in der Gemeinschaft leutselig, / in der Wissenschaft herausragend, / in der Seele vortrefflich, / er soll führen... / in das Mysterium der Religion / zum gesteigerten Ruhm des Ordens / zum Wachstum der Gemeinschaft / zur Stärkung des Volkes / zum Bündnis der Freundschaft.

Sonntag, 24. April 2016

Europäische Nonnenklöster und der Loskauf afrikanischer Sklaven im 19. Jh.

Die online-Stellung von kirchlichen Matriken auf www.matricula-online.eu hat eine auffällige Taufe aus den Büchern des Salzburger Domes ans Licht gebracht. Die afrikanischen Mädchen Petronilla und Xaveria (beide ohne Nachnamen eingetragen) wurden am 30. Mai 1857 in den "stillen Hallen" eines Salzburger Frauenklosters getauft; wahrscheinlich war es ein Ursulinen- oder Benediktinerinnenkloster. Von beiden Orden im Umfeld von Salzburg weiß man, dass sie durch Vermittlung des genuesischen Paters Nicolò Olivieri losgekaufte Sklavenkinder aufgenommen haben und vermutlich den Loskauf rückfinanziert haben. Olivieri hatte Petronilla (13 Jahre alt) und Xaveria (jünger) in Konstantinopel aus der Sklaverei freigekauft. Seit 1854 brachte Olivieri losgekaufte Sklavinnen in Österreich und Deutschland unter, sehr oft in Frauenklöstern. Seine Tätigkeit war ganz auf die Taufe und katholische Erziehung der Ex-Sklavinnen ausgerichtet. In einem Frauenkloster fand er die für seine Zwecke passende Kombination von Öffentlichkeit und Diskretion.

Die klösterliche Subvention seines Wirkens sollte andere Katholiken motivieren, ähnlich zu handeln. In diesem Sinne stellte Olivieri Ex-Sklaven bei einem Aufenhalt in Salzburg zur Schau; er ging mit jungen Afrikanern werbend durch die Stadt; in den Klöstern, wo sie untergebracht und getauft wurden, mussten sie sich über Tage hinweg der Bevölkerung zur Schau stellen. "Es lohnte sich: Sie bekamnen Geldgeschenke, Wäsche und neue Kleidungsstücke" (Küppers-Braun 152).

Petronilla und Xaveria waren Analphabetinnen und nicht in der Lage, den Klosterfrauen in Salzburg Angaben über ihre Heimat zu machen; der klösterliche Chronist tippte auf Sudan oder Zambia als Herkunftsland. Sie waren zwei "der mehr als 800 Mädchen, die zwischen 1847 und 1864 von Pater Nicolò Olivieri und seine Helfer aus den Sklavenmärkten in Kairo und Alexandria freigekauft und zur Erziehung nach Europa gebracht wurden, um – enstprechend dem Missionsziel der Zeit – ihre Seelen zu retten" (vgl. Zunker).

Die meisten Kinder starben nach weniger als drei Jahren in Europa. Todesursachen waren schwerwiegende Kinderkrankheiten aus ihrer traumatischen Vergangenheit, aber auch die Ansteckung durch europäische Viren, gegen die sie nicht immun waren und wofür es keine Impfungen gab; dies sind klassische Migrationsschicksale früherer Zeiten.

Der im 19. Jh. weit verbreitete, christlich motivierte Loskauf von andersgläubigen Sklaven ist selten erforscht worden, weil es in dem Fall nicht um den atlantischen Sklavenhandel geht. Der Sklavenverkehr über den Atlantik wird seitens nordamerikanischer Forschung intensiv untersucht. Der Sklavenhandel im östlichen Zentralafrika, dahingegen, ist noch nicht systematisch bearbeitet worden. Ebenso wenig bekannt ist die vorkoloniale Missionstätigkeit im östlichen Zentralafrika, die überwiegend von habsburgischen Ländern und Italien ausging (Küppers-Braun 143). Allein in Wien gab es eine Reihe von Kongregationen, die in regelmäßig erscheinenden (aber heute schwer auffindbaren) Missionszeitschriften ihren Sponsoren über die afrikanische Missionsarbeit berichtet haben.

* Ute Küppers-Braun, P. Niccolò Olivieri und der (Los-)Kauf afrikanischer Sklavenkinder in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte 105 (2011) 141-166.
* Maria Magdalena Zunker, Drei "arme Mohrenkinder" in der Benediktinerinnenabtei St. Walburg, Eichstätt. Eine Spurensuche, in: SMGB 114 (2003) 481-532.
* Archiv der Erzdiözese Salzburg, Pfarrmatriken, Salzburg-Dompfarre, Taufbuch XII S. 68f.