Samstag, 26. November 2011

Hosenrolle im Theatrum Claustrale

Hildegund wurde als Kind von ihrem Vater ins Heilige Land mitgenommen. Um eine problemlose Fahrt zu garantieren, hat man das Mädchen mit männlicher Kleidung angezogen. Diese und den zur Reise angenommenen Namen Joseph behielt sie, als der Vater starb und dann auch ein untreuer Diener sie verließ. Sie kehrte also von der Reise alleine nachhause und trat in das kürzlich gestiftete Cistercienserkloster Schönau bei Heidelberg ein. Hier wurde sie aber nicht glücklich. Von der Furcht vor Entdeckung gequält, starb sie noch als Novize am 20. April 1188. Nach der Entdeckung ihres Geschlechts erkundeten die Mönche mit Mühe ihre Herkunft und bewunderten sie nachträglich. Sie war nämlich für ihre Sittenreinheit und Frömmigkeit im Noviziat bekannt, und bald verbreitete sich der Ruf von Wundern an ihrem Grabe. Sie wurde zwar nie kanonisiert, aber ein lokaler Kult entwickelt sich und an ihrem Todestag wird sie im Nekrologium erwähnt. Sie wurde von den Vitenschreibern und Dichtern des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts begeistert aufgegriffen. Caesarius von Heisterbach widmete ihr ein Kapitel im Dialogus Miraculorum (I,40). Die Theatergeschichte kennt die Hosenrolle besser als die Ordengeschichte, und das ist wohl auch gut so. Wir kennen das Phänomen u.a. bei William Shakespeare (Portia im Kaufmann von Venedig) und im Rosenkavalier von Richard Strauss (Oktavian). Bei der Hosenrolle ist die Stimmlage der Darsteller oft das Problem, weil sie nicht in die Geschlechterrolle passt. Das kannte auch Hildegund. Einmal stellte der Abt ihr die Frage: "Bruder Josef, warst Du noch nicht im Stimmbruch?" Sie kam mit einer Floskel aus dem Schneider.

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