Sonntag, 24. April 2016

Europäische Nonnenklöster und der Loskauf afrikanischer Sklaven im 19. Jh.

Die online-Stellung von kirchlichen Matriken auf www.matricula-online.eu hat eine auffällige Taufe aus den Büchern des Salzburger Domes ans Licht gebracht. Die afrikanischen Mädchen Petronilla und Xaveria (beide ohne Nachnamen eingetragen) wurden am 30. Mai 1857 in den "stillen Hallen" eines Salzburger Frauenklosters getauft; wahrscheinlich war es ein Ursulinen- oder Benediktinerinnenkloster. Von beiden Orden im Umfeld von Salzburg weiß man, dass sie durch Vermittlung des genuesischen Paters Nicolò Olivieri losgekaufte Sklavenkinder aufgenommen haben und vermutlich den Loskauf rückfinanziert haben. Olivieri hatte Petronilla (13 Jahre alt) und Xaveria (jünger) in Konstantinopel aus der Sklaverei freigekauft. Seit 1854 brachte Olivieri losgekaufte Sklavinnen in Österreich und Deutschland unter, sehr oft in Frauenklöstern. Seine Tätigkeit war ganz auf die Taufe und katholische Erziehung der Ex-Sklavinnen ausgerichtet. In einem Frauenkloster fand er die für seine Zwecke passende Kombination von Öffentlichkeit und Diskretion.

Die klösterliche Subvention seines Wirkens sollte andere Katholiken motivieren, ähnlich zu handeln. In diesem Sinne stellte Olivieri Ex-Sklaven bei einem Aufenhalt in Salzburg zur Schau; er ging mit jungen Afrikanern werbend durch die Stadt; in den Klöstern, wo sie untergebracht und getauft wurden, mussten sie sich über Tage hinweg der Bevölkerung zur Schau stellen. "Es lohnte sich: Sie bekamnen Geldgeschenke, Wäsche und neue Kleidungsstücke" (Küppers-Braun 152).

Petronilla und Xaveria waren Analphabetinnen und nicht in der Lage, den Klosterfrauen in Salzburg Angaben über ihre Heimat zu machen; der klösterliche Chronist tippte auf Sudan oder Zambia als Herkunftsland. Sie waren zwei "der mehr als 800 Mädchen, die zwischen 1847 und 1864 von Pater Nicolò Olivieri und seine Helfer aus den Sklavenmärkten in Kairo und Alexandria freigekauft und zur Erziehung nach Europa gebracht wurden, um – enstprechend dem Missionsziel der Zeit – ihre Seelen zu retten" (vgl. Zunker).

Die meisten Kinder starben nach weniger als drei Jahren in Europa. Todesursachen waren schwerwiegende Kinderkrankheiten aus ihrer traumatischen Vergangenheit, aber auch die Ansteckung durch europäische Viren, gegen die sie nicht immun waren und wofür es keine Impfungen gab; dies sind klassische Migrationsschicksale früherer Zeiten.

Der im 19. Jh. weit verbreitete, christlich motivierte Loskauf von andersgläubigen Sklaven ist selten erforscht worden, weil es in dem Fall nicht um den atlantischen Sklavenhandel geht. Der Sklavenverkehr über den Atlantik wird seitens nordamerikanischer Forschung intensiv untersucht. Der Sklavenhandel im östlichen Zentralafrika, dahingegen, ist noch nicht systematisch bearbeitet worden. Ebenso wenig bekannt ist die vorkoloniale Missionstätigkeit im östlichen Zentralafrika, die überwiegend von habsburgischen Ländern und Italien ausging (Küppers-Braun 143). Allein in Wien gab es eine Reihe von Kongregationen, die in regelmäßig erscheinenden (aber heute schwer auffindbaren) Missionszeitschriften ihren Sponsoren über die afrikanische Missionsarbeit berichtet haben.

* Ute Küppers-Braun, P. Niccolò Olivieri und der (Los-)Kauf afrikanischer Sklavenkinder in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte 105 (2011) 141-166.
* Maria Magdalena Zunker, Drei "arme Mohrenkinder" in der Benediktinerinnenabtei St. Walburg, Eichstätt. Eine Spurensuche, in: SMGB 114 (2003) 481-532.
* Archiv der Erzdiözese Salzburg, Pfarrmatriken, Salzburg-Dompfarre, Taufbuch XII S. 68f.

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